"Warum geht man fort? Damit man zurückkehren kann, um den Ort, den man verlassen hat, mit neuen Augen und zusätzlichen Farben zu sehen."
(Terry Pratchett)



Alghero - Palermo


Du bist nicht mehr da, wo du warst - aber du bist überall, wo wir sind.
(Victor Hugo)

Nach dem tragischen Todesfall in unserer Familie fällt es schwer, unseren Törn fort zusetzten. Aber das Leben geht weiter. Nach unserer Ankunft in Alghero verbringen wir noch zwei Tage in der Stadt. In der Marina werden wir sehr freundlich empfangen. Mit dem Boot ist alles in Ordnung, nur das Deck ist stark verschmutzt mit Saharasand. Nachdem das Schiff geputzt und ein Großeinkauf erledigt sind bezahlen wir die zweite Rate der Liegegebühr wie verabredet und Federico lädt uns zu einem Gläschen Rotwein ein.

Alghero - Bosa

Dienstag 20.08.2019. Bei brütender Hitze legen wir um 10:00 Uhr ab. Draußen setzen wir das Vorsegel und lassen uns von der schwachen Brise Westwind langsam zum Kap Marargiu ziehen. Gegen Mittag, am Punta Poglina, schläft der Wind ein und wir starten den Motor. In Bosa fahren wir hinter dem Wellenbrecher ein Stückchen den Fluss Temo hinauf in den Porto Fluviale. Am Ufer gegenüber befindet sich der Stadtteil Bosa Marina wie ein kleines, verschlafenes Dorf am Meer. Die Altstadt Bosa ist 2 km entfernt. Wegen der strahlenden Sonne laufen wir nicht die Uferpromenade entlang sondern suchen Schatten unter den Bäumen der Allee zur Altstadt. Vom Rathausplatz zieht sie sich mit engen, verwinkelten Gassen fast bis zu der auf einem Hügel über dem Ort liegenden Burgruine, dem Castello Malaspina, hinauf. Die bunten Farben der Häuser wirken verblasst aber es herrscht reges Touristentreiben in den Gassen und den vielen Trattoria's. Auf der anderen Uferseite des Temo reihen sich gut erhaltene Gerberhäuser aneinander. Auf dem Rückweg kehren wir in ein kleines Cafe ein und am Abend gibt es Tomate Mozzarella auf dem Schiff.

Bosa - Oristano

Donnerstag 22.08.2019. Beim Ablegen ist es schwül, bewölkt, diesig und leider windstill, Gewitterstimmung. Als wir den Torre Aragonese von Bosa Marina hinter uns gelassen haben bringen langgezogene Wellen aus West das Schiff zum rollen. Mittags sind wir am Kap Mannu und sehen die Insel Mal di Ventre. Leichter Nieselregen setzt ein, bringt aber keine Abkühlung. Hinter dem Kap San Marco ankern einige Segler. Wir fahren vorbei an den Fischfarmen im Golf von Oristano zur Marina Torre Grande. Die Zufahrt ist verkrautet, der Tiefenmesser piepst bei der Einfahrt in den Hafen. Die Marina liegt im Nirgendwo, es gibt keine Infrastruktur, nur das Hafengebäude und eine Haltestelle für den Bus zur Stadt. Das im Windfinder angekündigte Gewitter der Warnstufe Rot bleibt aus. Nach 15 min Busfahrt durch Tomaten- und andere Felder sind wir in der Stadt. Wir laufen zum Rathaus, das sich in einem Prachtbau aus der Zeit der Frührenaissance befindet. Wir besichtigen die Kathedrale mit ihrer imposanten Kuppel und laufen durch die Fußgängerzonen mit kleinen Restaurants.

Oristano - Carloforte

Samstag 24.08.2019. Zuerst fahren wir westlich Richtung Torre San Giovanni, der majestätisch auf einem Hügel thront. Hinter den Fischfarmen legen wir Kurs auf Carloforte. Mittags kreuzt ein Delfin unseren Weg. Die Landschaft sieht prächtig aus. Langgezogene, hintereinander liegende Gebirgsketten, darüber Cumuluswolken. Entlang der Küste fallen immer wieder mehr oder weniger gut erhaltene runde Türme auf Kaps oder Anhöhen auf. Sie wurden im 16. Jahrhundert erbaut, als die Insel in Personalunion zum Königreich Spanien gehörte. Die Türme sind durch alte Wege miteinander verbunden. Die Strecke führt mit der Länge von 1.284 km rund um die Insel. Einst zur Verteidigung angelegt wird der 100-Türme-Weg heute durch Aktivurlauber erwandert. Carloforte ist eine Kleinstadt auf der Insel San Pietro circa 10 km vor der Südwestküste Sardiniens. Der Ort liegt malerisch in einer Bucht. An der Uferpromenade reihen sich Restaurants aneinander, eine Fußgängerzone führt zur zentralen Piazza di Republica an der Pfarrkirche San Carlo Borromeo. Auf dem Kirchplatz trifft man sich zum Plausch auf einer Bank im Schatten unter vier mächtigen Gummibäumen. Der Ort gefällt uns sehr und die Marine Sifredi bietet guten Service, freies WLAN und endlich eine saubere moderne Sanitäranlage. Wir bleiben ein paar Tage.

Carloforte - Porto Teulada

Freitag 30.08.2019. Wieder ein schwülheißer Tag ohne Wind. Wir fahren Motorboot in den Canale di San Pietro. Gegenüber liegt die Insel San Antioco mit der Hafenstadt Calasetta. Vormittags passieren wir den kleinen Leuchtturm von Mangiabarche. An der Südspitze von San Antioco fahren wir vorbei an der Insel Vacca und nehmen Kurs auf das Capo Teulada. Den ganzen Tag ziehen dunkle Regenwolken über das Küstengebirge, auf dem Meer bleibt es aber sonnig und hell. Wir wollen in einer Bucht in Hafennähe ankern. Als wir ankommen verdunkelt sich der Himmel zu stahlblau, es gibt auch wieder eine Gewitterwarnung. Schließlich machen wir dann doch in der Marina fest. Rundherum gibt es nur Natur, himmlische Ruhe. Nach ein paar Blitzen ist der Gewitterspuk auch schon wieder vorbei.

Porto Teulada - Cagliari

Samstag 31.08.2019. Für Segler ist Wetter ein stetes Thema. Wieder zu wenig Wind, mehrere Versuche, das Vorsegel zu nutzen scheitern. Wie gestern ziehen über Land dunkle Wolken, aber heute ist es auch über dem Meer bewölkt. Am Capo Malfatano regnet es leicht. Weiter zum Capo Spartivento mit seinem roten Leuchtturm und vorbei an den weißen Sandstränden bei Giudeu. Hinter dem Capo di Pula passieren wir das Sarroch Oil Terminal mit vier Tankern auf Reede. Jetzt ziehen links und rechts von uns Gewitter auf, es blitzt. Wir fahren gegen den Wind auf Regenwände und die Hafeneinfahrt von Cagliari zu. Eine halbe Seemeile vor der Einfahrt dreht der Wind und wir bekommen den Regenschauer ab. In der Marina Portus Karalis bekommen wir den Liegeplatz direkt am Uferboulevard neben einem Restaurantboot. Wir sind froh festzuliegen. Nach dem Regen laufen wir durch die Straßen am Hafen, auch durch die Via Sardegna wo sich ein Restaurant neben dem Anderen befindet. Als wir nach dem Abendessen zurück auf dem Schiff sind hat neben uns auf dem Restaurantboot die Party schon begonnen. Anfangs normal, man isst und trinkt. Im weiteren Verlauf wird getanzt. Da werden die Bässe hochgezogen und die Lautstärke nimmt drastisch zu. Der Lautsprecher strahlt genau in unsere Plicht. Jetzt wird es unangenehm. Die Geburtstagsparty nimmt ihren Lauf mit Diskomusik bis weit nach Mitternacht.

Cagliari - Marina di Capitano

Sonntag 01.09.2019. Nachdem wir heute Nacht doch noch etwas geschlafen haben geht mittags der Krach wieder los, diesmal vom Restaurant neben dem Hafenbüro. Eine wohl anatolische Feierlichkeit. Kulturelle Vielfalt mit Buschtrommelschlag und Männergesang, eigentlich kein Gesang eher ein Kreischen und Schreien. Wir entscheiden uns zur Flucht. E. geht zum Hafenmeister und storniert unsere Buchung. Der Chef vom Restaurantboot entschuldigt sich noch für die gestrige Nacht mit einer Flasche "Petrizza", einem sehr guten Wein wie er versichert, den auch der wohlhabende Gastgeber gestern zum Ausschank brachte. Wir verlegen uns 10 sm weiter östlich in die Marina di Capitano. Am Liegeplatz legen wir bei einem kräftigen Regenschauer an. Die kleine Marina neben einem vier Sterne Clubhotel wirkt gepflegt und einladend. Aber das Free Wifi funktioniert nicht, das Dinner im Hafenrestaurant enttäuscht auch und es setzt Dauerregen ein.

Marina di Capitano - Villasimius

Montag 02.09.2019. Am Vormittag laute Musik aus dem Ressort, die Gäste werden mit französischer Animation bespaßt. Wir flüchten in die nächste Marina am Capo Carbonara. Draußen setzen wir das Vorsegel und segeln mit 4 kn über Grund. Nach gut zwei Stunden legen wir wieder bei einem kurzen Regenschauer an. In einem Restaurant in der weitläufigen Marina verwöhnen wir uns mit einem gutes Abendessen und einem sehr guten Rotwein. Wir planen den morgigen Tag und entscheiden uns, nicht nach Trapani zu fahren sondern San Vito Lo Capo anzulaufen.

Villasimius (Sardinien) - San Vito Lo Capo (Sizilien)

Dienstag 03.09. und Mittwoch 04.09.2019. Unsere Überfahrt starten wir 09:20 Uhr. In Hafen ist es windstill aber hinter der Hafenmauer bläßt ein kräftiger Wind und auch die Welle ist beachtlich. Wir verlassen Sardinien zwischen Capo Carbonara und der Insel Cavoli. Dann legen wir Kurs auf das Kap San Vito auf Sizilien. Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne scheint aber der schwache Wind kommt genau von achtern. Die achterlich anlaufenden Wellen bewirken ein unangenehmes Rollen des Schiffes. Das Vorsegel schlägt bei jeder Welle, also bergen wir es wieder. High Noon haben wir noch eine Strecke von 150sm vor uns und 41°C im Schiff. Auf dem Meer ist es einsam, nicht mal ein Delfin zeigt sich bei unserer Schaukelfahrt durch 360° Thyrrenisches Meer. Nach Sonnenuntergang schalten wir die Positionslichter ein. Gegen 22:00 Uhr beginnt Wetterleuchten auf 10 Uhr in weiter Ferne, es blitzt im Sekundentakt. Halb Elf geht der Mond unter aber es bleibt immer noch ein Restlicht, diesmal können wir den Horizont die ganze Nacht über erkennen. Auch der Sternenhimmel ist nicht so spektakulär wie im Juni aber immer noch imposant. Mit dem Fernglas können wir deutlich die 7 Sterne der Plejaden über uns erkennen. Zur Mitternacht begegnen uns drei Segelschiffe auf Gegenkurs. In unserer Wacheinteilung übernimmt B. die Hundewache von 02-04 Uhr. Wir fahren direkt auf das Sternbild Orion zu. Das Gewitter mit den Blitzen bleibt die ganze Nacht über fern. Endlich geht 06:40 Uhr die Sonne auf. Auf dem Deck liegt ein 20 cm großer Kalmar und wir rätseln, wie er dorthin gekommen ist. In der aufgehenden Sonne schwimmen zwei Delfine auf unser Schiff zu und begleiten uns eine Weile in der Bugwelle. Am Vormittag ist die Sizilien westlich vorgelagerte Insel Marettimo querab. Der Wind hat ein wenig zugelegt und wir können endlich segeln. Motor aus! Wie geplant legen wir um 16:30 Uhr in der Marina Diporto Nautico Sanvitese an. Der Hafen liegt idyllisch in einer Bucht hinter dem Leuchtturm umgeben von hohen Felsen. Der Hafeneinfahrt gegenüber thront der Monte Monaco mit einer Höhe von 532 m. Für die Überfahrt Sardinien Sizilien benötigten wir 31 Stunden für 165 Seemeilen, 90% unter Motor, Durchschnittsgeschwindigkeit 5,3 Knoten.

San Vito Lo Capo - Palermo

Montag 09.09.2019. Vor der Abreise reinigt E. nochmal das Schiff und bemerkt nicht, dass das Fenster über dem Kartentisch offen ist. Wasser ergießt sich über den Bordcomputer, der nach kurzer Zeit den Geist aufgibt. "No operating System" meldet der Rechner, die Festplatte ist hinüber. Nach der Hafenausfahrt blicken wir zurück auf das imposante Panorama mit Monte Monaco, dem arabisch-normannischen Festungsbau Santuario di San Vito und dem weißen Leuchtturm. Wir segeln mehrere Stunden über den Golf von Castellammare. Hinter dem Golf, am Punta Raisi, liegt der Flughafen von Palermo. Dann geht es noch um das beeindruckende Capo Gallo zur Hafenanlage von Palermo. Wir fahren durch den Industriehafen mit Anlegern für Containerschiffe, Kreuzfahrer und Fähren zu den Marinas. In der Sitimar Marina werden wir abgewiesen, kein Platz mehr. An der Mooring Adorno gehen wir einfach längsseits an einen Steg und dürfen nach der Anmeldung liegen bleiben. Ursprünglich wollten wir Palermo mit dem roten Hop-on-Hop-off-Bus erkunden aber nachdem wir am größten Opernhaus Italiens, dem Teatro Massimio eine gefühlte Ewigkeit vergeblich auf den Bus gewartet haben ziehen wir zu Fuß weiter. Zum Glück, sonst hätten wir die vielen kleinen Altstadtgassen mit ihren einladenden Restaurants verpasst. Über die Via Orolologio laufen wir zum Nationalmuseum neben der Kirche Santa Caterina, weiter zum Platz San Domenico mit der beeindruckenden Mariensäule. Wir besuchen noch die Dominikanerkirche und laufen durch die Via Maccherronai. Hier befindet sich der älteste Markt der Stadt, der Mercato della Vucciria. In quirligem Treiben reihen sich Händler und Restaurants aneinander. An der Piazza Caracciolo wird Fisch verkauft und für hungrige Gäste frisch zubereitet. Der Rauch der auf einem Grill liegenden Salsiccia erfüllt die Luft. Unser Weg führt wenige Schritte auf der Via Roma weiter zum Zentrum der Altstadt, zur Kreuzung Quatro Canti mit ihren barocken Fassaden, zum Brunnen Fontana Pretoria mit seinen zahlreichen Marmorstatuen und weiter im Touristenstrom durch die Via Vittorio Emanuele zur Kathedrale von Palermo. Nach deren Besichtigung und einer kleinen Mahlzeit im All'Antico Arco sind wir rechtzeitig vor dem großen Regen wieder auf dem Schiff - Siesta.



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